Meine Geschichte: Leben ist möglich
Katharina (35) ist Fitnesstrainerin. Nach einer Autoimmunkrankheit wurden 1999 ihre
Schilddrüse sowie die Nebenschilddrüsen entfernt. Entgegen ärztlicher Prognosen
arbeitet sie heute wieder als Trainerin und hat ihre "alte" Lebensqualität
wiedererlangt. Sie erzählt ihre Geschichte:
Die Veränderungen kamen schleichend. Müdigkeit. Abgeschlagenheit. Lustlosigkeit. Appetitlosigkeit. Zustände, die irgendwie jeder kennt und mir natürlich auch nicht fremd waren. Doch im Frühjahr '96 konnte ich die Signale meines Körpers nicht mehr ignorieren. Ich begann zu spüren, dass mein Erschöpfungsgefühl Ursachen hatte, die nichts mit Stress in meinem Job oder den üblichen kleinen Ärgernissen des Alltags zu tun hatten. "Was ist nur mit mir los?" fragte ich mich immer wieder voller Verzweiflung. Meiner Umgebung konnte ich kaum mitteilen, was in mir vorging. Ich wusste es ja selbst nicht. Je öfter die Symptome auftraten, desto passiver wurde ich.
Ärzte-Odyssee
Mittlerweile war es Herbst geworden. Ich war von einer Reise in die USA zurückgekehrt. Doch schon bald nach der Ankunft verschlechterte sich mein Zustand erneut dramatisch: Aus der Müdigkeit war bleierne Schwere geworden, aus der Lustlosigkeit Depressionen. Innerhalb weniger Tage bekam ich starke Gelenkschmerzen und Verdauungsbeschwerden. Außerdem bekam ich schlimme Entzündungen an den Beinen. Sie schmerzten entsetzlich und waren letztlich der Ausschlag für eine Untersuchung im Institut für Tropenmedizin. Die Ärzte dort vermuteten eine exotische Infektion, die ich mir in den USA eingehandelt haben könnte. Doch alle Diagnosen liefen ins Leere. Für mich begann eine wahre Ärzte-Odyssee. Hautärzte, Internisten, Rheumatologen, Orthopäden, Radiologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Allgemeinärzte. Auch beim Psychologen war ich. Nach jeder fehlgeschlagenen Diagnose schwankte ich zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Erleichterung und tiefer Enttäuschung. Es mag eigenartig klingen, doch manchmal wäre ich froh gewesen, wenn mir endlich jemand bestätigt hätte, dass ich krank bin. Schwarz auf weiß.
Zusammenbruch
Es war an einem Sonntag im Herbst '97. Ich hatte mich schon den ganzen Morgen über nicht sonderlich wohl gefühlt. Dennoch begab ich mich in mein Fitnessstudio, um eine Aerobic-Gruppe zu unterrichten. Ich war mitten in den Übungen, als plötzlich mein Puls zu rasen begann. Ich zitterte am ganzen Körper, mein Herz flimmerte und mir wurde schwarz vor Augen. Ich brach zusammen und wurde vor aller Augen ohnmächtig. Es war mein Glück, dass der Besitzer des Fitnessstudios – ein Arzt – zur Stelle war. Er nahm mir den Puls: unglaubliche 260 Schläge. Sofort brachte er mich zur Notaufnahme in ein Krankenhaus und legte mir eine Infusion. Dort stellten die Ärzte eine Hinterwandentzündung des Herzens sowie ein Herzödem fest. Ein Internist des Krankenhauses veranlasste eine Antikörperuntersuchung. Dabei wurde eine akute Überfunktion der Schilddrüse erkannt. Der Internist schloss auf eine Autoimmunkrankheit und schickte mich zu einer Fachärztin für Innere Medizin.
Thyreoiditis Hashimoto
Endlich! Eineinhalb Jahre nach dem ersten deutlichen Auftreten der Symptome, nach zig Ärzten und vielen falschen Diagnosen, war ich endlich in die richtigen Hände geraten. Ich litt unter Thyreoiditis Hashimoto. Eine Autoimmunkrankheit, die eine Entzündung der Schilddrüse verursacht. Deshalb war meine Schilddrüse chronisch entzündet und reagierte mit einer Überfunktion. Meine Schilddrüse hatte sich nach innen "ausgedehnt". Damit erklärten sich im Nachhinein die Schluckbeschwerden und das Druckgefühl im Halsbereich. Ich konnte damals nicht ahnen, dass durch die chronische Entzündung der Schilddrüse der Grundstein für den Schilddrüsenkrebs gelegt worden war ... Ich nahm fortan ein Medikament, das die Schilddrüsenüberfunktion eindämmen sollte. Doch ich vertrug es nicht. Fast zwei Jahre schlug ich mich mit starken Nebenwirkungen herum: Gelenkschmerzen, Depressionen, Haarausfall. Aber weitaus schlimmer war, dass die Überfunktion der Schilddrüse nicht in den Griff zu bekommen war. Im Herbst 1999 veränderte sich meine Stimme erneut stark. Sie wurde dunkel, ich klang ständig heiser. Ein Indiz für unliebsame Aktivitäten in der Schilddrüse. Die Ärztin stellte fest, dass sich in der Zwischenzeit Knoten gebildet hatten. Sie riet mir zur Operation, um Gewissheit über den Zustand der Schilddrüse zu bekommen. Da nicht alle Gewebsveränderungen in der Schilddrüse punktiert werden können, konnte nur eine Operation klären, ob sich auch bösartige Knoten gebildet hatten. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie sagte ich zu mir, dass ich eigentlich nichts zu verlieren hätte – außer meiner Schilddrüse.
Schilddrüsenkrebs
Der Chirurg musste nicht lange überlegen. Nachdem er den Schnitt gesetzt und die Schilddrüse freigelegt hatte, war der Fall klar: Mehrere Knoten waren bösartig. Ich hatte Schilddrüsenkrebs. Er entfernte die Schilddrüse, beide Nebenschilddrüsen sowie zwei Lymphknoten. Es war Mitte November '99 und ich stand am Punkt Null. Es mag seltsam klingen, doch ich war erneut erleichtert. Denn insgeheim war mir klar, dass ich durch die Entfernung der Schilddrüse eine Chance auf ein neues Leben erhalten hatte. Glücklicherweise hatten sich keine Metastasen im Körper gebildet. Und zum Glück wurden bei der Operation weder der Stimmnerv noch die Stimmbänder verletzt. Auch der Kehlkopf und der Schluckreflex hatten nichts abgekommen. Die folgenden drei Wochen nach dem Eingriff verbrachte ich im Lehnstuhl, da bei der Operation Halsmuskeln durchtrennt wurden. Diese mussten erst wieder zusammenwachsen. Ich konnte den Kopf deshalb kaum bewegen. Doch das ging vorüber. Ebenso die Nervenirritationen und die Muskelkrämpfe, die sich einstellten. Leider fuhr mein Körpergewicht Achterbahn: Niemand hatte mich wirklich vorgewarnt, dass durch den Wegfall der Schilddrüse der Stoffwechsel fast zum Erliegen kommt. Die künstlichen Hormongaben, die den Stoffwechsel nach dem Entfernen der Schilddrüse regulieren, werden durch Medikamente geregelt. Die Dosen sind von Patient zu Patient völlig verschieden. Auch bei mir mussten die Hormonmengen zuerst individuell "eingestellt" werden. Der Körper muss sich langsam an die Mengen gewöhnen. Januar 2000. Der Aufbruch ins neue Jahrtausend begann für mich mit der Rückkehr an meinen Arbeitsplatz im Fitnessstudio. Sechs Wochen nach dem Entfernen der Schilddrüse wollte ich wieder anfangen zu arbeiten. Schon am ersten Tag nach meiner Rückkehr ins Fitnessstudio begann ich zu walken. Mit der langsam aber stetig steigenden Hormongabe ging's weiter aufwärts. Ich verlor nach und nach mein überschüssiges Gewicht, der Stoffwechsel regulierte sich und ich fühlte mich wieder wohl in meiner Haut. Ein paar Monate später, es war im Spätsommer 2000, nahm ich erneut an einem Marathon teil. Viereinhalb Jahre nach meinem letzten. Dieses Mal war ich sogar zehn Minuten schneller.
Nachsorge
Ausgewogene Ernährung, Bewegung, Vermeidung von krank machendem Stress, positive Eindrücke, Entspannung und ausreichend Ruhephasen – zu einem gesunden Leben gehört ganz offensichtlich die richtige Einstellung. Für uns Menschen mit kranker oder entfernter Schilddrüse gilt das umso mehr. Denn auf die individuelle "Einstellung" der Hormondosis kommt es an. Stimmt mein Hormonspiegel, ist ein Leben ohne nennenswerte Einschränkungen möglich. Wichtig ist vor allem die Nachsorge, weil sich auch noch mehrere Jahre nach dem Entfernen der Schilddrüse bösartige Schilddrüsenzellen im Körper bilden können. Anfangs ließ ich mich auf Anraten der Ärzte alle drei Monate durchchecken, später alle sechs. Heute gehe ich nach Absprache mit meiner Internistin einmal im Jahr zur Nachsorge: Bluttest, Ultraschall und Ganzkörperszintigrafie. Damit die Untersuchungen erfolgreich verlaufen können, muss der Körper auf die verschiedenen Untersuchungen vorbereitet werden. Aber vor allem die Vorbereitung auf die erste Ganzkörperszintigrafie machte mir extrem zu schaffen. Sechs Wochen vor der GKS musste ich die Hormongaben absetzen. Durch den Hormonentzug hatte ich die selben Symptome, wie zu Beginn meiner Krankheit: Gelenkschmerzen, Haarausfall, Müdigkeit, Lustlosigkeit, Depressionen. Die typischen Begleitumstände einer Schilddrüsenunterfunktion. Nur ein Betroffener kann wirklich nachvollziehen, wie unerträglich dieser Zustand ist. Ich fühlte mich an meine Leidensgeschichte zurückerinnert und wollte diese Ganzkörperszintigrafie nie wieder vornehmen lassen. Ich hatte regelrecht Angst, die Hormone ein zweites Mal absetzen zu müssen und spielte mit dem Gedanken, auf diese eigentlich wichtige Kontrolluntersuchung zu verzichten. Ich forschte im Internet, hörte mich in Selbsthilfegruppen um, und stieß dabei auf eine Alternative zur herkömmlichen Therapie. Bei dieser Begleittherapie reicht es aus, wenn man ein paar Tage vor der Ganzkörperszintigrafie zwei Spritzen mit künstlichem TSH bekommt, welches meinen Körper in die Lage versetzt, die GKS durchführen zu lassen, ohne die üblen Begleiterscheinungen ertragen zu müssen. Ich besprach diese Methode mit meiner Internistin und bereite mich seitdem mit dieser Therapie auf die GKS vor. Mein Körper muss sich nicht mehr mit schlimmen Nebenwirkungen herumplagen. Und meine Lebensqualität wird durch die Nachsorge überhaupt nicht mehr beeinträchtigt.