Meine Geschichte :
Leben ist möglich
Katharina (35) ist Fitnesstrainerin. Nach einer Autoimmunkrankheit wurden 1999 ihre
Schilddrüse sowie die Nebenschilddrüsen entfernt. Entgegen ärztlicher Prognosen
arbeitet sie heute wieder als Trainerin und hat ihre "alte" Lebensqualität
wiedererlangt. Sie erzählt ihre Geschichte:
Die Veränderungen kamen schleichend. Müdigkeit. Abgeschlagenheit. Lustlosigkeit. Appetitlosigkeit. Zustände, die irgendwie jeder kennt und mir natürlich auch nicht fremd waren. Sich ab und zu ausgelaugt und erschöpft zu fühlen, ist ja an sich nichts Ungewöhnliches. Auch bei mir als Fitnesstrainerin ist der Akku ab und zu leer. Doch im Frühjahr '96 konnte ich die Signale meines Körpers nicht mehr ignorieren. Die Beschwerden begannen regelmäßig und in Intervallen aufzutreten. Ich begann zu spüren, dass mein Erschöpfungsgefühl Ursachen hatte, die nichts mit Stress in meinem Job oder den üblichen kleinen Ärgernissen des Alltags zu tun hatten. Zu jener Zeit arbeitete ich als Geschäftsführerin eines Fitnessstudios und machte nebenher mein Staatsexamen. Die Doppelbelastung im Beruf hatte ich immer als Herausforderung empfunden, der ich mich gerne stellte. Alles war in geregelten Bahnen verlaufen, auch mein Privatleben.
Verzweiflung
Aber die Mattheit und Schwäche, die sich nach und nach eingeschlichen hatte und nun immer wieder auftrat, fühlte sich tiefer, ja einschneidender an, als alles, was ich zuvor in meinem Leben erfahren hatte. Ich erinnere mich an einen milden Frühlingstag im Mai 1996. Das Wetter war herrlich, die Sonne schien. In den Bäumen vor meinem Balkon zwitscherten die Vögel, während ich drinnen auf meinem Bett lag und weinte. Ich konnte nichts Schönes wahrnehmen, mich an nichts freuen, hatte keine positiven Empfindungen. Ich fühlte mich unendlich müde und schlapp und musste mir eingestehen, dass etwas nicht stimmte. "Was ist nur mit mir los?" fragte ich mich immer wieder voller Verzweiflung.
Ein paar Wochen zuvor hatte ich noch an einem Marathon teilgenommen, hatte die 42 Kilometer in knapp vier Stunden geschafft. Dafür, dass ich zuvor kaum Langstrecken gelaufen bin, eine respektable Zeit. Doch jetzt fiel mir selbst das Aufstehen schwer. Ich fühlte mich wie aus der Bahn geworfen, als ob mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen hätte. Es war, als würde eine höhere Macht verhindern wollen, dass ich am Leben teilhabe. Dabei hatte ich doch mein ganzes Leben lang viel Sport getrieben, hatte im Schwimmen und Turmspringen sogar kleinere nationale Erfolge feiern können. Mein Lebenswandel war gesundheitsorientiert, ich hatte mich stets bewusst ernährt und war schädlichen Einflüssen aus dem Weg gegangen. Und jetzt sollte ich keine Energie mehr haben? Keinen Appetit? Keine Lebensfreude? Die Wand aus meinen Fragen schien unüberwindlich. Die Angst, mich zu verlieren, saß mir im Nacken. Mir war, als lief ich im dichten Nebel auf einen Abgrund zu.
Meiner Umgebung konnte ich kaum mitteilen, was in mir vorging. Ich wusste es ja selbst nicht. "Was ist denn mit dir los?" Diese Frage wurde mir immer häufiger gestellt. Von Freunden, meinem Partner, meiner Familie. Es zog mich zusätzlich runter, denn jede Frage nach meinem Befinden machte mir unmissverständlich klar, dass ein Verdrängen nicht mehr möglich war. Ich hatte eigentlich auch überhaupt keine Lust dazu, meinen Kummer zu überspielen. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: keine Kraft.
In Gesellschaft begab ich mich nur noch anstandshalber: Ich wollte die Erwartungen anderer nicht enttäuschen. Aber ich ahnte schon im Vorfeld, was mir blühte: "Kathi, du bist ja so blass!" – "Kathi, du bist so ruhig" – "Ist irgendwas mit Dir, Kathi?" Auf dem Polterabend einer Schulfreundin sagte deren Mutter zu mir: "Mensch, du wirkst irgendwie total traurig!" Eine Untertreibung, denn ich fühlte mich todtraurig und hundeelend. Schwach und völlig ermattet. Körperlich und auch zunehmend seelisch. Während die anderen tanzten, saß ich herum und wartete, dass die Zeit vorüberging. Je öfter die Symptome auftraten, desto passiver wurde ich. War ich zuvor noch gern gesehener Gast auf Partys und hatte einen großen Freundeskreis, so vermied ich mittlerweile den Kontakt zu anderen. Manchmal ging ich nur noch zum Arbeiten oder Einkaufen aus dem Haus. Immer wieder meldete ich mich krank. Zum Glück reagierte mein Arbeitgeber im Fitnessstudio einigermaßen verständnisvoll. Doch die fragenden Blicke am nächsten Tag bohrten. Das Getuschel über meinen labilen Zustand war nicht zu ignorieren. Ich fühlte mich zunehmend isoliert, was mich zusätzlich bedrückte.
Ärzte-Odyssee
Mittlerweile war es Herbst geworden. Ich war von einer Reise in die USA zurückgekehrt. Es war ein reiner Strandurlaub gewesen, ohne Stress, ohne Hektik. Doch schon bald nach der Ankunft verschlechterte sich mein Zustand erneut dramatisch: Aus der Müdigkeit war bleierne Schwere geworden, aus der Lustlosigkeit Depressionen. Innerhalb weniger Tage bekam ich starke Gelenkschmerzen und Verdauungsbeschwerden.
Ich konnte kaum noch essen, ohne dass mein Magen mit Schmerzen reagierte. Ich fühlte mich unendlich schwach. Teilweise sogar zu schwach, um mir etwas zum Trinken einzugießen. Außerdem hatte ich Hitzewallungen, starken Durchfall und Haarausfall. Und eine völlig veränderte Stimme. Morgens, nach dem Aufstehen, klang sie sehr rau, manchmal war sie ganz weg. Im Halsbereich hatte ich ein starkes Engegefühl. Das Schlucken tat weh, ich legte sogar meine Halskette ab und hörte auf, Rollis und Schals zu tragen. Da ich zu den Frauen gehöre, die leicht frieren, war das natürlich ein echtes Handicap.
Außerdem bekam ich schlimme Entzündungen an den Beinen. Sie schmerzten entsetzlich und waren letztlich der Ausschlag für eine Untersuchung im Institut für Tropenmedizin. Die Ärzte dort vermuteten eine exotische Infektion, die ich mir in den USA eingehandelt haben könnte. Doch alle Diagnosen liefen ins Leere. Die Mediziner im Tropeninstitut wussten nicht weiter.
Doch das war erst der Anfang. Für mich begann eine wahre Ärzte-Odyssee. Ich weiß nicht, wieviele weiße Kittel ich in den nächsten zwölf Monaten gesehen habe, doch ich weiß, dass mir zunächst keiner von ihnen helfen konnte. Hautärzte, Internisten, Rheumatologen, Orthopäden, Radiologen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, Allgemeinärzte. Auch beim Psychologen war ich. Nach jeder fehlgeschlagenen Diagnose schwankte ich zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Erleichterung und tiefer Enttäuschung. Denn jeder negative Laborbefund bedeutete zugleich, dass die Suche nach der Ursache meiner Krankheit immer schwieriger und aussichtsloser werden würde.
Es mag eigenartig klingen, doch manchmal wäre ich froh gewesen, wenn mir endlich jemand bestätigt hätte, dass ich krank bin. Schwarz auf weiß. Ich hätte meine gesundheitlichen Probleme endlich in Worte fassen können. Ich hätte meiner Umgebung beweisen können, dass ich keine eingebildete Kranke, kein Hypochonder bin. Denn ich fühlte mich nicht ernst genommen. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass man meine Beschwerden herunterspielte. Nicht selten wurden meine Müdigkeit und meine Gelenkschmerzen mit meiner Leidenschaft für den Sport erklärt: "Du hast deinem Körper zu viel zugemutet." Kommentare wie diesen musste ich oft über mich ergehen lassen. Ich empfand das als puren Unsinn. Ich kenne meinen Körper, und ich wusste, dass meine Beschwerden einen ernsten Hintergrund hatten. Dieses Dilemma machte mich unendlich wütend. Manchmal hatte ich das Gefühl, als würde ich vor Wut und Verzweiflung fast wahnsinnig. Mein Selbstwertgefühl war am Boden, ich wurde launisch und aggressiv. Um mich ernst genommen zu fühlen, brach ich unnötige Konflikte vom Zaun. Vor allem mit meinem Partner. Die Anlässe waren meist nichtig. Doch es waren Hilferufe, die keiner verstand. Sie zielten ins Leere – und ich fühlte mich erst recht missverstanden. "Keiner versteht mich", "keiner nimmt mich ernst", "ihr glaubt mir ja alle nicht" – die Gedanken kreisten und kreisten, und ich fühlte mich sehr einsam mit ihnen.
Zusammenbruch
Es war an einem Sonntag im Herbst '97. Ich hatte mich schon den ganzen Morgen über nicht sonderlich wohl gefühlt. Dennoch begab ich mich in mein Fitnessstudio, um eine Aerobic-Gruppe zu unterrichten. Ich war mitten in den Übungen, als plötzlich mein Puls zu rasen begann. Ich zitterte am ganzen Körper, mein Herz flimmerte und mir wurde schwarz vor Augen. Ich war nicht mehr in der Lage, meine Bewegungen zu kontrollieren. Ich brach zusammen und wurde vor aller Augen ohnmächtig. Es war mein Glück, dass der Besitzer des Fitnessstudios – ein Arzt – zur Stelle war. Er nahm mir den Puls: unglaubliche 260 Schläge. Sofort brachte er mich zur Notaufnahme in ein Krankenhaus und legte mir eine Infusion. Dort stellten die Ärzte eine Hinterwandentzündung des Herzens sowie ein Herzödem fest. Ein Internist des Krankenhauses veranlasste eine Antikörperuntersuchung. Dabei wurde eine akute Überfunktion der Schilddrüse erkannt. Der Internist schloss auf eine Autoimmunkrankheit und schickte mich zu einer Fachärztin für Innere Medizin.
Thyreoiditis Hashimoto
Endlich! Eineinhalb Jahre nach dem ersten deutlichen Auftreten der Symptome, nach zig Ärzten und vielen falschen Diagnosen, war ich endlich in die richtigen Hände geraten. Die Fachärztin versuchte mich als Individuum zu erfassen mit einer eigenen, spezifischen Krankheitsgeschichte. Sie nahm sich Zeit und stellte mir präzise Fragen. Sie erkundigte sich nicht nur nach Symptomen, sondern auch nach meinem Lebenswandel und meinen Gewohnheiten. Ich hatte das Gefühl, mich öffnen zu können, vertrauen zu können.
Genaue Laboruntersuchungen bestätigten bald ihren Verdacht: Ich litt unter Thyreoiditis Hashimoto. Eine Autoimmunkrankheit, die eine Entzündung der Schilddrüse verursacht. Mein Körper kämpfte gegen sich selbst und hatte als Zielscheibe die Schilddrüse gewählt. Deshalb war meine Schilddrüse chronisch entzündet und reagierte mit einer Überfunktion. Da sich an meinem Hals – anders als in den meisten Fällen – kein Kropf gebildet hatte, waren die Vorgänge in der Schilddrüse nicht mit bloßem Auge erkennbar gewesen. Meine Schilddrüse hatte sich nach innen "ausgedehnt". Damit erklärten sich im Nachhinein die Schluckbeschwerden und das Druckgefühl im Halsbereich. Ich konnte damals nicht ahnen, dass durch die chronische Entzündung der Schilddrüse der Grundstein für den Schilddrüsenkrebs gelegt worden war ... Fürs Erste war ich jedenfalls erleichtert, dass mein gesundheitlicher Zustand medizinisch erklärt werden konnte. Dass ich die Gewissheit hatte, dass meine gesundheitlichen Probleme einen Zusammenhang hatten, und ich mir das alles nicht eingebildet hatte. Ich nahm fortan ein Medikament, das die Schilddrüsenüberfunktion eindämmen sollte. Doch ich vertrug es nicht. Fast zwei Jahre schlug ich mich mit starken Nebenwirkungen herum: Gelenkschmerzen, Depressionen, Haarausfall. Aber weitaus schlimmer war, dass die Überfunktion der Schilddrüse nicht in den Griff zu bekommen war. Im Herbst 1999 veränderte sich meine Stimme erneut stark. Sie wurde dunkel, ich klang ständig heiser. Ein Indiz für unliebsame Aktivitäten in der Schilddrüse. Die Ärztin stellte fest, dass sich in der Zwischenzeit Knoten gebildet hatten. Sie riet mir zur Operation, um Gewissheit über den Zustand der Schilddrüse zu bekommen. Da nicht alle Gewebsveränderungen in der Schilddrüse punktiert werden können, konnte nur eine Operation klären, ob sich auch bösartige Knoten gebildet hatten. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie sagte ich zu mir, dass ich eigentlich nichts zu verlieren hätte – außer meiner Schilddrüse.
Schilddrüsenkrebs
Der Chirurg musste nicht lange überlegen. Nachdem er den Schnitt gesetzt und die Schilddrüse freigelegt hatte, war der Fall klar: Mehrere Knoten waren bösartig. Ich hatte Schilddrüsenkrebs. Er entfernte die Schilddrüse, beide Nebenschilddrüsen sowie zwei Lymphknoten.
Es war Mitte November '99 und ich stand am Punkt Null. Es mag seltsam klingen, doch ich war erneut erleichtert. Denn insgeheim war mir klar, dass ich durch die Entfernung der Schilddrüse eine Chance auf ein neues Leben erhalten hatte. Die Operation war wie ein Umkehrpunkt für mich. "Jetzt beginnt etwas Neues", sagte ich zu mir – und zu meinen Freunden, die mich im Krankenhaus besuchten. Es war keine Durchhalteparole, nein, es war meine innere Überzeugung. Glücklicherweise hatten sich keine Metastasen im Körper gebildet. Und zum Glück wurden bei der Operation weder der Stimmnerv noch die Stimmbänder verletzt. Auch der Kehlkopf und der Schluckreflex hatten nichts abgekommen. Die folgenden drei Wochen nach dem Eingriff verbrachte ich im Lehnstuhl, da bei der Operation Halsmuskeln durchtrennt wurden. Diese mussten erst wieder zusammenwachsen. Ich konnte den Kopf deshalb kaum bewegen. Doch das ging vorüber. Ebenso die Nervenirritationen und die Muskelkrämpfe, die sich einstellten. Durch Kalziuminfusionen bekam ich sie in den Griff. Leider fuhr mein Körpergewicht Achterbahn: Hatte ich während und unmittelbar nach der OP noch fast sieben Kilo verloren, so nahm ich nun innerhalb kürzester Zeit 20 Kilogramm zu. Obwohl ich nur wenig aß. Niemand hatte mich wirklich vorgewarnt, dass durch den Wegfall der Schilddrüse der Stoffwechsel fast zum Erliegen kommt. Mein Gewebe lagerte dadurch unnatürlich viel Wasser ein, ich bekam Tränensäcke und dicke Gelenke. Verständlich, dass mir diese Veränderungen Angst einjagten und erneut aufs Gemüt schlugen. Auch, weil mein Aussehen nicht gerade dem Schönheitsideal entsprach – um es vorsichtig auszudrücken. Ich fühlte mich weder attraktiv noch begehrenswert.
Die künstlichen Hormongaben, die den Stoffwechsel nach dem Entfernen der Schilddrüse regulieren, werden durch Medikamente geregelt. Die Dosen sind von Patient zu Patient völlig verschieden. Auch bei mir mussten die Hormonmengen zuerst individuell "eingestellt" werden. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern dauert mehrere Monate. Der Körper muss sich langsam an die Mengen gewöhnen. Meine Internistin kommentierte das mit den Worten: "Wir schummeln uns langsam auf das Niveau, das Sie brauchen."
Rückkehr
Januar 2000. Der Aufbruch ins neue Jahrtausend begann für mich mit der Rückkehr an meinen Arbeitsplatz im Fitnessstudio. Sechs Wochen nach dem Entfernen der Schilddrüse wollte ich wieder anfangen zu arbeiten. Wollte wieder am Leben teilhaben, unter Menschen gehen. Und meine Kunden wiedersehen, die ich zuvor teilweise über Jahre hinweg unterrichtet hatte.
Das Studio lag im ersten Stock, erreichbar nur über Treppen. Treppen, die ich früher leichtfüßig nach oben gestürmt war. Nun brauchte ich für die selbe Strecke Minuten. Oben angekommen benötigte ich erst einmal Halt: Ich musste mich abstützten. Ich war völlig außer Atem, mir war schwindelig und ich hatte weiche Knie. Durch den verringerten Stoffwechsel war meine Leistungsfähigkeit sehr eingeschränkt. Manche Kollegen und Kunden, die mich monatelang nicht gesehen hatten, waren erschrocken über meinen Anblick. Ich war aufgeschwemmt und hatte nach wie vor einige Kilo zu viel auf den Rippen. Inmitten der vielen trainierten Körper, die sich nun einmal in einem Fitnessstudio tummeln, fühlte ich mich wie eine Außenseiterin, ja fast wie ein fremdes Wesen.
In dieser Zeit habe ich gelernt, dass von Mitmenschen kein Verständnis erwartet werden kann. Ich habe deshalb immer sehr genau darauf geachtet, wem ich von meiner überstandenen Krankheit erzähle. Es muss jeder für sich selbst herausfinden, ob und in welchem Maße die Umwelt eingeweiht wird. Ein Patentrezept gibt es nicht. Doch es gibt Phasen, in denen sich dieses Problem stärker aufdrängt. Vor allem in den Wochen nach dem Eingriff, wenn die richtige Hormondosis noch nicht gefunden ist. Die veränderte Optik ist für die Umwelt schließlich unübersehbar. Äußerlich war ich nicht mehr die selbe. Aber ich hatte den Willen, wieder in ein normales Leben zurückzufinden. Ich fing mit leichter Büroarbeit an. Eigentlich war es nichts anderes als der Versuch einer Beschäftigungstherapie. Denn ich konnte nicht lange ruhig bleiben. Der Papierkram war nicht das, was mich ausgefüllt hätte. Ich wollte mich nicht nur vom Schreibtisch zum Kopiergerät und zurück bewegen. Ich schlug die Prognosen eines Krankenhausarztes ("Sie werden nie wieder eine Pirouette drehen können") in den Wind. Schon am ersten Tag nach meiner Rückkehr ins Fitnessstudio begann ich zu walken. Zuerst ganz bedächtig, denn ich wollte das richtige Tempo treffen, auch in Bezug auf meinen Genesungsprozess. Manchmal ist es eindeutig besser, ein Bein vor das andere zu setzen, und sich in Geduld zu üben. Nach ein paar Tagen gab ich mir das Okay, eine kleinere Strecke zu joggen. Ich weiß es noch wie heute, als ich mir zum ersten Mal seit Monaten wieder meine Joggingschuhe schnürte. Für mich ein weiterer Schritt in die Normalität. Ich empfand fast so etwas wie Wiedersehensfreude, als ich am Startpunkt meiner Lieblings-Joggingstrecke – einem Rundkurs durch den Stadtwald – stand. Ich atmete tief und intensiv ein, und freute mich über den vertrauten Anblick. Ich freute mich sogar über das Wiedersehen mit den großen Kastanien, die den Beginn der Strecke säumen, und über das Knirschen unter meinen Sohlen. Was früher selbstverständlich war, hatte nun einen ganz anderen Wert bekommen. Die ersten Sekunden beim Laufen waren ungewohnt. Ich fühlte mich wie ein eingerosteter Roboter und hoffte, dass mich niemand beobachtete. Es war fast, als müsste ich den Laufschritt erst wieder lernen. Doch so erschreckend und ernüchternd solche Momente auch sein mögen, sie sind gleichzeitig sehr wertvoll. Helfen sie doch, sich an kleinen Fortschritten zu freuen, die kleinen Dinge intensiver zu erleben. Vielleicht intensiver, als es vor der Krankheit jemals möglich war. Nach einer Woche Jogging gab ich erstmals wieder einen Aerobic-Kurs: Ich nannte ihn "Happy Body". Ein Kurs für Übergewichtige. Kleinere Pirouetten gehörten übrigens auch zum Programm. Da mir mein austrainierter Körper früher viel Selbstbewusstsein gegeben hatte, musste ich mich nun anfangs ziemlich überwinden, vor den Kursteilnehmern aufzutreten. Doch unter Gleichgesinnten geht vieles einfacher.
Mit der langsam aber stetig steigenden Hormongabe ging's weiter aufwärts. Ich verlor nach und nach mein überschüssiges Gewicht, der Stoffwechsel regulierte sich und ich fühlte mich wieder wohl in meiner Haut. Ein paar Monate später, es war im Spätsommer 2000, nahm ich erneut an einem Marathon teil. Viereinhalb Jahre nach meinem letzten. Dieses Mal war ich sogar zehn Minuten schneller.
Nachsorge
Ausgewogene Ernährung, Bewegung, Vermeidung von krank machendem Stress, positive Eindrücke, Entspannung und ausreichend Ruhephasen – zu einem gesunden Leben gehört ganz offensichtlich die richtige Einstellung. Für uns Menschen mit kranker oder entfernter Schilddrüse gilt das umso mehr. Denn auf die individuelle "Einstellung" der Hormondosis kommt es an. Stimmt mein Hormonspiegel, ist ein Leben ohne nennenswerte Einschränkungen möglich. Klar, meine Leistungsfähigkeit kann schwanken – aber das ist ja bei jedem so. Ich habe es weitgehend selbst in der Hand, welchen Einflüssen ich meinen Körper aussetze.
Wichtig ist vor allem die Nachsorge, weil sich auch noch mehrere Jahre nach dem Entfernen der Schilddrüse bösartige Schilddrüsenzellen im Körper bilden können. Anfangs ließ ich mich auf Anraten der Ärzte alle drei Monate durchchecken, später alle sechs. Heute gehe ich nach Absprache mit meiner Internistin einmal im Jahr zur Nachsorge: Bluttest, Ultraschall und Ganzkörperszintigrafie. Bei der Nachsorge sollen im Körper verbliebene Schilddrüsenzellen, Schilddrüsenkrebszellen oder Metastasen aufgespürt werden. Damit die Untersuchungen erfolgreich verlaufen können, muss der Körper auf die verschiedenen Untersuchungen vorbereitet werden. Aber vor allem die Vorbereitung auf die erste Ganzkörperszintigrafie machte mir extrem zu schaffen. Sechs Wochen vor der GKS musste ich die Hormongaben absetzen. Durch den Hormonentzug hatte ich die selben Symptome, wie zu Beginn meiner Krankheit: Gelenkschmerzen, Haarausfall, Müdigkeit, Lustlosigkeit, Depressionen. Die typischen Begleitumstände einer Schilddrüsenunterfunktion. Nur ein Betroffener kann wirklich nachvollziehen, wie unerträglich dieser Zustand ist. An einen normalen Alltag ist nicht zu denken. Selbst banale Tätigkeiten wie Einkaufen oder Kochen sind eine enorme Belastung. Auf gut deutsch: Ich fühlte mich unendlich mies. Ich fühlte mich an meine Leidensgeschichte zurückerinnert und wollte diese Ganzkörperszintigrafie nie wieder vornehmen lassen. Ich hatte regelrecht Angst, die Hormone ein zweites Mal absetzen zu müssen und spielte mit dem Gedanken, auf diese eigentlich wichtige Kontrolluntersuchung zu verzichten – und damit das Risiko einzugehen, dass schädliche Zellen im Körper unentdeckt bleiben. Ich forschte im Internet, hörte mich in Selbsthilfegruppen um, und stieß dabei auf eine Alternative zur herkömmlichen Therapie. Bei dieser Begleittherapie reicht es aus, wenn man ein paar Tage vor der Ganzkörperszintigrafie zwei Spritzen mit künstlichem TSH bekommt, welches meinen Körper in die Lage versetzt, die GKS durchführen zu lassen, ohne die üblen Begleiterscheinungen ertragen zu müssen. Hierbei wird der TSH-Wert ohne Hormonentzug erhöht. Das dabei verwendete TSH ist dem vom eigenen Körper produzierten TSH sehr ähnlich und hat die gleiche Wirkung. Der erhöhte TSH-Spiegel ermöglicht so eine optimale Radiojodaufnahme. Ich besprach diese Methode mit meiner Internistin und bereite mich seitdem mit dieser Therapie auf die GKS vor. Offen gesagt: Ich bin heilfroh, dass es diese Möglichkeit gibt. Mein Körper muss sich nicht mehr mit schlimmen Nebenwirkungen herumplagen. Und meine Lebensqualität wird durch die Nachsorge überhaupt nicht mehr beeinträchtigt.
Leben
Ich kann nur für mich sprechen, aber für mich ist klar: Mir geht es auch Jahre nach der OP einfach besser. Der Zustand vor der Operation war kein Zustand. Auch wenn die erste Zeit nach dem Eingriff mit gewissen Einschränkungen und Beeinträchtigungen verbunden war, und ich nun lebenslang auf künstliche Hormongaben angewiesen bin. Aber wer weiß, was meine angegriffene Schilddrüse noch alles in meinem Körper angerichtet hätte. Ein Leben ohne Schilddrüse ist möglich – auf die richtige Einstellung kommt es an. Und auf eine regelmäßige Nachsorge.