Die Behandlung des Schilddrüsenkarzinoms
Muss ich operiert werden?
Um es gleich vorweg zu nehmen: In aller Regel ja!
Radiojodtherapie – nach der OP!
Der chirurgische Eingriff wird in Krankenhäusern, die viel Erfahrung mit der Operation der Schilddrüse haben, routiniert, sicher und effektiv durchgeführt.
Trotz dieser großen Routine bleiben aufgrund der komplizierten Lage der Schilddrüse meist wenige Gewebereste der Schilddrüse im Hals zurück.
Da sich auch hier noch einzelne Krebszellen verbergen können, wird im Anschluss an eine OP fast immer die Ablation (Radiojodtherapie) empfohlen, die dann vom Nuklearmediziner durchgeführt wird.
Diese „Bestrahlung von innen“ beseitigt weitgehend zuverlässig alle Rest- oder Krebszellen, die im Körper geblieben sind oder vom Tumor bereits gestreut wurden. Die schädlichen Zellen lassen sich dabei durch ihre besonderen Eigenschaften gut „finden und überlisten“. Denn die Schilddrüsenkrebszellen verhalten sich ebenso wie ihre gesunden „Schwesterzellen“. Sie speichern Jod, unabhängig davon, wo sie im Körper wachsen. Auch das radioaktive Jod, das Sie in einer Kapsel schlucken, nehmen die Krebszellen bereitwillig auf. Die Krebszellen reichern die radioaktive Substanz an und besiegeln so ihren eigenen Untergang.
Um die Ablation so wirksam wie möglich zu machen sind einige vorbereitende Schritte notwendig:
Jodhunger!
Alle verbliebenen Zellen der Schilddüse sollen extrem hungrig auf Jod gemacht werden, damit sie das o.g. radioaktive Jod zur Untersuchung optimal aufnehmen können. Man erreicht das durch zwei unterschiedliche Vorgänge. Sie sollten in der Vorbereitung auf die Ablation möglichst wenig Jod zu sich nehmen, so dass das Angebot dieses Spurenelements im Körper stark abnimmt.
Gehirn an Schilddrüse: „Volle Kraft voraus!“
Der Körper soll den Schilddrüsenzellen signalisieren, dass sie so viele Hormone wie möglich produzieren, um den Jodhunger der Schilddrüsenzellen zu steigern! Aus diesem Grund erhalten Sie nach der OP keine Schilddrüsenhormontabletten. Der Körper bemerkt, dass ihm jetzt Schilddrüsenhormone fehlen und schüttet aus der Hirnanhangsdrüse verstärkt TSH – das „schilddrüsenstimulierende Hormon“ aus.
Dieses Hormon löst in den Schilddrüsenzellen diesen massiven Jodhunger aus, so dass jetzt alle im Körper vergügbaren Jodatome sofort aufgenommen werden.
Was passiert, wenn ich nach der OP
keine Schilddrüsenhormone nehmen darf?
Wir haben im letzten Kapitel erklärt, dass Schilddrüsenzellen durch das Hormon TSH – schilddrüsenstimulierendes Hormon - zur Produktion von Schilddrüsenhormonen stimuliert werden.
Der Körper stellt das benötigte TSH in der Hirnanhangsdrüse selber her, wenn zu wenig Schilddrüsenhormone (T3 und T4) im Blutkreislauf vorhanden sind. Dies geschieht, wenn Ihre Schilddrüse entfernt wurde und Sie anschließend keine Hormontabletten bekommen haben – eine Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) mit all ihren negativen Symptomen ist die Folge.
Wenn das Gaspedal fehlt…
Die Phase der Hypothyreose kann sich bei jedem Patienten sehr unterschiedlich gestalten. Während die einen die Unterfunktion sehr gut überstehen, erleben viele andere Patienten mannigfaltige Symptome der Unterversorgung mit Schilddrüsenhormonen: Sie fühlen sich antriebslos und matt, erleiden Müdigkeitsanfälle, die sie lähmen. Das Gehirn reagiert mit Depressionen, mit Gedächtnis- und Konzentrationsminderungen.
In der Hypothyreose können viele Patienten nicht mehr Autofahren oder ihren beruflichen wie auch familiären Pflichten nachkommen. Für viele Patienten ist die Hypothyreose die schlimmste Erfahrung der gesamten Behandlung!
Eine Alternative!
Die gesamte Hypothyreose-Phase nach der OP dient dazu, das Hormon TSH in ausreichend hoher Menge zur Verfügung zu stellen. Dies ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Ablation.
Da die Schilddrüsenunterfunktion aber für viele Patienten eine solche Leidenserfahrung ist, haben Wissenschaftler mittlerweile eine Alternative entwickelt.
Nicht die Schilddrüsenhormone werden abgesetzt, sondern TSH, ein künstliches Hormon wird dem Körper mittels zwei Spritzen zugeführt. Seit mehreren Jahren ist diese Behandlungsmethode in Deutschland zugelassen und wird immer häufiger eingesetzt, um Patienten das Leid der Schilddrüsenunterfunktion in der Vorbereitung auf die Ablation zu ersparen.
Ist die Strahlung der Ablation gefährlich?
Sie haben zur Ablation radioaktives Jod, das sogenannte 131Jod (sprich: Jod-Hunderteinunddreißig) als Kapsel zu sich genommen.
131Jod ist ein Beta- und Gamma-Strahler. Das bedeutet, dass ein Teil der Strahlung aus Elektronen (Beta-Strahlen) besteht. Der große Vorteil der Beta-Strahlung: sie ist sehr energiereich, kommt aber nicht weit.
So können Nuklearmediziner mit relativ hohen Dosen den Krankheitsherd bekämpfen ohne das umliegende Gewebe in Mitleidenschaft zu ziehen!
Ein weiterer Teil der Strahlung wird als Gamma-Strahlung frei, die wiederum aus dem Gewebe heraustreten und somit für die Bildgebung mit einer Gamma-Kamera genutzt werden kann.
So ist es möglich 131Jod sowohl therapeutisch als auch diagnostisch zu nutzen!
Auf die Station...
Nach Einnahme der 131Jod-Kapsel müssen Sie für ein paar Tage auf der nuklearmedizinischen Station bleiben. Sie sind hier zusammen mit anderen Patienten, die auch mit Radiojod behandelt wurden, untergebracht.
Selbstverständlich bleiben Ihre Ärzte und das Pflegepersonal der Klinik bei Ihnen und versorgen Sie wie auf einer ganz normalen Station.
Früher wurden diese Stationen wegen ihrer radioaktiven Abschirmung gerne als „Bunker“ bezeichnet. Heute sind die meisten dieser Stationen modern und liebevoll eingerichtet, so dass es Ihnen gut gehen wird und Sie die Ruhe während Ihrer Genesung genießen können.
…für wie lange?
Die Frage, wie lange man in der nuklearmedizinischen Abteilung bleiben muss, hängt von mehreren Faktoren ab.
Prinzipiell ist die Strahlung, die von Ihnen ausgeht kurz nach Einnahme der 131Jod-Kapsel am stärksten.
Einheiten der Nuklearmedizin:
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Halbwertszeiten
Dann kommen zwei Vorgänge ins Spiel, die die Strahlung im Verlauf der Zeit immer weiter abschwächen.
Zum einen hat 131Jod eine physikalische Halbwertszeit von 8 Tagen (d.h. nach 8 Tagen strahlt es nur noch halb so stark, nach weiteren 8 Tagen ein viertel und so weiter…) zum anderen scheiden Sie über Ihren Urin das radioaktive Material wieder aus. Die biologische Halbwertszeit reduziert also die Strahlung zusätzlich!
Wenn Sie durch eine Schildrüsenunterfunktion, also ohne die Einnahme von Schilddrüsenhormonen auf die Ablation vorbereitet wurden, arbeitet Ihre Niere in der Zeit der Ablation relativ langsam und reinigt so auch den Körper nur langsamer von dem radioaktiven Material. Das heißt, während die physikalische Halbwertszeit unverändert bleibt, verlängert sich die biologische.
Wurden Sie mit der neuen Behandlungsmethode auf die Ablation vorbereitet und mit Schilddrüsenhormontabletten bereits nach der OP versorgt, dann ist Ihre Niere mit ihrer ganz normalen Geschwindigkeit tätig und schafft somit auch das 131Jod schneller aus dem Körper wieder heraus. Hier arbeiten also physikalische und biologische Halbwertzeit optimal zusammen.
Es ist sicher sinnvoll, diese beiden Optionen mit dem behandelnden Arzt zu besprechen - er kann abschätzen, welche Vorbereitung für Sie geeignet ist.